Münchner CED'ler in Bulgarien

DIE PROJEKTREISEN ALLER CED-HELFER WERDEN AUSSCHLIESSLICH PRIVAT FINANZIERT !

Juni 2012: Kerstin Gust, Augusto Giussani, Tobias Klein in Belozem

"Belozem ist ein Dorf mit rund 4.000 Einwohnern und befindet sich in einer der ärmsten Gegenden Bulgariens, ca. 25 km von Plovdiv entfernt. Folgendes Schicksal der Einwohner dort wiederholt sich: viele Erwachsene sind aufgrund der Wirtschaftskrise in Griechenland nach Bulgarien zurückgekehrt und nun arbeitslos. Im Sommer stellt sich das Leben augenscheinlich freundlicher dar, da Erwachsene wie Kinder als Tagelöhner auf dem Feld oder auf dem Bau arbeiten und so ihr Überleben sichern. In den harten Wintermonaten werden sie wieder täglich um das Überleben kämpfen, da das regelmäßige Einkommen, Nahrungsmittel und Medikamente fehlen. Armut hat viele Gesichter; wir haben in viele unterschiedliche Gesichter geschaut. Schicksale und Situationen die bewegen, zum Nachdenken anregen und teilweise schwer in Worte zu fassen sind.

Bruder Gregor, von den Kindern „Brat“ genannt, holt uns in Sofia vom Flughafen ab. Nach einer zweistündigen Autofahrt kommen wir bei strahlendem Sonnenschein in Belozem an. Seit dem letzten CED-Besuch hat sich das Dorf weiterentwickelt. Bei einem Spaziergang durch Belozem zeigt uns Bruder Gregor die Veränderungen und gibt uns einen ersten Einblick ist das Leben hier. Die meisten Strassen sind nur aus unbefestigtem Lehm, das Kloster mit den drei Mönchen Bartolomej (Prior), Bruder Gregor und Pater Christoph, liegt im Zentrum von Belozem. Von einer Fahrt mit vielen unvergeßlichen Eindrücken möchten wir gerne von Einzelschicksalen berichten, die uns nachhaltig beschäftigen.

Maximilian, den wir vor 3 Jahren kennenlernten, ist mittlerweile 6 Jahre alt, sehr schüchtern und lebt nach wie vor bei seiner Großmutter Frau Penna in direkter Nachbarschaft zur Armenküche „St. Anton“. Maximilians Mutter hat ihren Sohn verlassen und kümmert sich nicht um ihn, da sie ihr Leben in der Stadt leben möchte. Maximilian und seine Oma leben von einer sehr geringen Sozialhilfe, Rente bekommt Frau Penna nicht; das Geld reicht kaum. In ihrem kleinen Haus gibt es nur einen Ofen in einem kleinen Raum. Ohne das Essen aus der Armenküche wäre das Überleben sehr schwer möglich.

Ermasa ist eine Roma-Frau und wohnt zusammen mit ihrem bulgarischen Mann in zwei Zimmern ohne fließendes Wasser und ohne Strom. Eine Ehe zwischen Roma und Bulgaren ist nach wie vor die Ausnahme und entspricht nicht der gesellschaftlichen Norm. Nachdem ihr Mann seine Arbeit verloren hatte, nahm wegen Alkoholsucht auch die Gewalt in der Ehe stark zu. Ermasa kommt jeden Tag zur Armenküche, wenngleich es ihr unangenehm ist, dass sie arm und auf fremde Hilfe angewiesen ist.
Frau Ana und ihr Mann haben zwei Söhne, wovon einer im Haus der beiden lebt, der andere zusammen mit seiner Familie in der Stadt. Frau Ana ist sehr krank und wird von ihrem Mann zu Hause gepflegt. Das wenige, was sie besitzen, wird ihnen von ihren beiden Söhnen genommen, oftmals werden sie dabei sogar geschlagen. Ohne das Essen aus der Armenküche und die Unterstützung mit Lebensmittel wäre ein Überleben kaum denkbar.
Herr Stefan lebt zusammen mit seiner Frau in einem Haus ohne fließendes Wasser; dieses holt er sich mit einem Eimer vom Friedhof. Um zu überleben sammelt er Abfall und versucht, diesen zu verkaufen. Von Bruder Gregor bekommt er regelmäßig ein Lebensmittelpaket, das Zucker, Öl, Reis, Mehl und je nach Vorrat zum Beispiel Bohnen oder Schokolade enthält.
In unmittelbarer Nachbarschaft zu Herrn Stefan wohnen sein krebskranker Bruder und dessen ebenfalls erkrankte Frau. Mit ihrer Rente von 140 Leva (ca. 70 Euro) können sie gerade den Strom und das Wasser bezahlen. Auch hier hilft Bruder Gregor regelmäßig mit Lebensmittelpaketen.

Was sind 100 Euro Wert? Ein Menschenleben! Nikolaus, 37 Jahre alt, ist seit 10 Jahren ein Dialysepatient. Aufgrund der langjährigen Krankheit haben sich seine Venen verhärtet, so dass er für den Katheter eine Operation benötigt. Seine Familie arbeitet viel auf dem Feld und ist sehr fleißig. Durch verschiedene Hilfsaktionen konnten sie bereits 300 Levar sammeln, weitere 300 Levar wurde ihnen von Bruder Gregor gegeben. Für die dringend notwendige Operation fehlten nur 100 Euro. Der Zusammenhalt in der Familie, die Unterstützung aus dem Dorf und das Schicksal in der Familie hat uns sehr berührt.

Wir besuchen ein weiteres Haus. In diesem stark heruntergekommenen Haus, wohnen Eltern mit ihrem geistig behinderten Kind. Auch der Vater ist krank, so dass die Mutter mit Feldarbeit als einzige für den Lebensunterhalt aufkommt. Aufgrund des geringen Einkommens hat die Familie aber kein Geld, um in die Stadt zu fahren und sich damit die Invaliditätsrente bescheinigen zu lassen. Diese Bescheinigung wäre aber erforderlich, um etwas Geld von Seiten des Staates zu bekommen. Auch sie bekommen regelmäßig ein Lebensmittelpaket von Bruder Gregor zum täglichen Überleben.

Als wir im Dorf der Roma ankommen, schart sich eine große Gruppe Kinder um uns. Auch hier wiederholen sich die Schicksale der Familien. Auf engstem Raum leben die Familien in kleinsten Häusern, oftmals nur wenige Quadratmeter und ohne Strom und/oder fließend Wasser. Auch wenn im Sommer eigene Kartoffeln und Gemüse vor den Häusern angebaut werden, reicht das Essen –v.a. auch als Vorrat für die harten Wintermonate- bei weitem nicht aus. Die Roma bekommen von Bruder Gregor Lebensmittelpakete und Babynahrung, im Winter zusätzlich Kleidung und Schuhe.  

Eines der größten Probleme ist die fehlende Bildung bzw. die fehlende Erkenntnis der Bedeutung von Bildung. Aufgrund der sozialen Strukturen obliegt die Erziehung jüngerer Geschwister meist dem ältesten Kind oder es muß durch Feldarbeit der Kinder der eigene Beitrag zum Lebensunterhalt der Familie erwirtschaftet werden. So gehen viele Kinder nicht in die Schule und erlernen dadurch nicht einmal Lesen und Schreiben, was als Basis für ein zukünftiges Leben ohne Armut erforderlich wäre.
Als die Kinder erfahren haben, dass wir da sind, kommen sie herbeigelaufen und begleiten uns auf unserem Spazierganz durch das Dorf. Während unseres Besuches im Roma-Dorf, führt uns Vasil an einen Fluss, in dem Kinder toben, baden und spielen. Wir genießen diesen fröhlichen Anblick, setzen uns staunend an das Flussufer und lassen uns von der Freude und Unbekümmertheit der Kinder mitreißen. Für uns ein Moment, der die Schicksale der einzelnen Familien kurz vergessen lässt. Unerwartet fängt Vasil in diesem Augenblick der Begeisterung an zu singen. Schnell scharen sich die Kinder um ihn und uns herum, und machen das, was alle Kinder auf der Welt gerne machen: singen und klatschen. Ein Gänsehautgefühl!

Dass die Kapuziner und das CED-Projekt eine sehr gute Arbeit leisten zeigt sich auch an der hohen Anerkennung, Dankbarkeit und Gastfreundschaft der Einwohner Belozems. Wir werden überall sehr herzlich empfangen, von der Familie der Köchin Irinka werden wir sogar zum tollen Mittagessen zu sich nach Hause eingeladen. Die Kinder sind von unserem Besuch, den Bastelaktionen aber vor allem der Zeit, die wir mit ihnen verbringen, begeistert. Auch uns sind die Kinder und Armen schnell ans Herz gewachsen. Zum Abschluss an diesen unvergesslichen Projektbesuch gestalten wir mit allen ein buntes Tuch mit Handabdrücken. Es symbolisiert für uns gegenseitige Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Verbundenheit.

„Was Menschen am meisten benötigen?“ fragen wir Bruder Gregor. Es sind nur vier Dinge: „Liebe, Hoffnung, ein Idol und den Glauben“. All dies erhalten die Armen von Bruder Gregor, Pater Christoph und Bartlomiej sowie den Mitarbeiterinnen der Armenküche."

(Augusto G., Kerstin G., Tobias K. im Juni 2012)